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Thomas Thelen empfiehlt „Mein Herz so weiß“ von Javier Marías

In unserer Rubrik „Thelens Lesetipp“ stellt unser Chefredakteur Thomas Thelen Ihnen absolut lesenswerte Bücher vor. Lassen Sie sich inspirieren und entdecken Sie Ihr nächstes Lieblingsbuch.

Darum geht es in diesem Roman:

Eine junge Frau erhebt sich vom Tisch, geht ins Bad, knöpft ihre Bluse auf und erschießt sich. Diese dunkle Szene, von der der Ich-Erzähler nur gehört hat, lässt ihm keine Ruhe mehr. Die junge Frau war seine Tante, die Schwester seiner Mutter, die Frau, die sein Vater vor seiner Mutter geheiratet hatte. Vierzig Jahre später ist der Erzähler selbst verheiratet. Dunkle Vorahnungen und nebensächliche Ereignisse beunruhigen ihn. Der Ich-Erzähler ist Dolmetscher und leidet an einer „déformation professionelle“, die ihn dazu zwingt, jedes Detail zu registrieren und zu interpretieren: die kleinen, scheinbar unbedeutenden Dinge im Leben zu zweit und auch jene Details, die ihm nach und nach mehr über die Ereignisse vor seiner Geburt verraten, als ihm lieb ist. Javier Marías, 1951 in Madrid geboren, gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller Spaniens. Sein umfangreiches Werk ist in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Von allen ersten Sätzen hat der Spanier Marías möglicherweise den bemerkenswertesten geschrieben. Allein dieser erste Satz ist eine Verheißung, ein großes Versprechen. Marías hält, was er mit diesem ersten Satz verspricht. Der wohl beste Roman eines der wohl besten Stilisten unserer Zeit.

© S. Fischer Verlage

Javier Marías

Mein Herz so weiß | Roman | 352 Seiten (1992) | FISCHER Taschenbuch

Erbarmungslos und genau untersucht Javier Marías in seinem internationalen Bestseller ›Mein Herz so weiß‹ die Macht uneingestandener Vergangenheit. Für Juan, der als Dolmetscher ständig zwischen New York, Genf und Madrid pendelt, ist das Leben seines Vaters ein ungelöstes Rätsel. Als er selbst heiratet, stellt er sich dem, was er nicht wissen will: Direkt nach der Hochzeitsreise seines Vaters erhob sich seine erste Frau vom Tisch, nahm eine Pistole und erschoss sich im Badezimmer. Später heiratete der Witwer ihre Schwester, Juans Mutter.

Der Roman zeigt Javier Marías als Meisterdetektiv des menschlichen Herzens, seiner dunklen Seiten und verborgenen Winkel. Verschwiegenheit kann bequem sein, aber sie fordert ihren Preis. Die Schärfe seiner Beobachtungen und die Eleganz seines Stils machen den Roman zu einem Klassiker der Moderne.